Ernährungsbildung ist gesellschaftliche Verantwortung

„Ich esse meine Suppe nicht. Nein, meine Suppe ess ich nicht.“ So plakativ die Essverweigerung im Struwwelpeter dargestellt ist, so fragwürdig ist auch das pädagogische Rezept dahinter. Führt doch die Geschichte des kleinen Verweigerers in Hoffmanns Buch von 1845 nicht nur zum Tod des Protagonisten, sondern ist auch die Geburtsstunde des Ausspruchs: „Der Teller wird leer gegessen!“ Das seit Generationen weitergegebene „Wissen“ zählt auch heute noch zu den Top Ten der verbalen Keimzellen von Essstörungen. Denn nicht nur eine ausgewogene Ernährung ist für Kinder (und Erwachsene) das Maß aller Dinge. Es ist der erlernte Essalltag, der zunehmend in den Fokus der Betrachtung rückt. Ernährungswissenschaftler, Soziologen und Psychologen sind sich einig: Das Essverhalten wird im Kindesalter geprägt. 

Im Zuge der anhaltenden Diskussion über stetig steigende Zahlen ernährungsbedingter Krankheiten bekommt die Ernährungsbildung noch zusätzliche Bedeutung. Natürlich bleibt der Schwerpunkt jeglicher Erziehungsarbeit und der unterschiedlichen Auffassung dessen in den Händen der Familie. Mit bundesweit zunehmenden Anmeldungen in Kindertagesstätten und -krippen verlagert sich die Verantwortung aber auch in öffentliche Institutionen. Mit anderen Worten: Auch die Kommune und das Land müssen sich mit dem Thema Ernährungsbildung auseinandersetzen. Und das passiert offenbar nur sehr langsam.

„Die pädagogischen und hauswirtschaftlichen Fachkräfte gestalten den Essalltag, in dem oft leider nur der Gesundheitswert der Speisen im Mittelpunkt steht“, so Professor Dr. Ines Heindl vom Institut für Ernährungs- und Verbraucherbildung an der Universität Flensburg. Auf einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Niedersachsen, betonten Experten die Wichtigkeit der frühkindlichen Ernährungsbildung und nahmen Verantwortliche in die Pflicht. „Der Genusswert in seiner sozialen und kommunikativen Bedeutung wird nur am Rande reflektiert. Die zunehmende institutionelle Verantwortung der Kitas für das Essverhalten der Kinder verlangt somit nach einer Professionalisierung von Erzieherinnen und Erziehern“, so Heindl.

Eine aufmerksame, geduldige Begleitung der Essenssituation ist dabei die Grundvoraussetzung für die Freude des Kindes am Essen. Dabei erkennen einzelne Fachkräfte aus den Kitas offenbar die gestiegenen Anforderungen. Das Projekt „Selber machen! Schritt für Schritt – Essen in der Krippe“ der städtischen Kindertagesstätten Braunschweig zum Beispiel soll als Anregung dienen, die Essenssituation in der Kita zu hinterfragen und wenn nötig Schritt für Schritt an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen. Entwickelt wurde das Projekt von einer Kita-Leiterin und einer Ökotrophologin.

Dabei gibt es kein vorgefertigtes Konzept, sondern Anregungen, die im Rahmen von Dienstbesprechungen vom Kita-Team mit „Leben gefüllt“ werden können. Inhalte sind unter anderem eine Bestandsaufnahme, das Gestalten einer guten Essenssituation (Regeln, Rituale, Räumliche Gestaltung etc.), Spiele rund ums Essen und die Förderung der Selbständigkeit der Kinder (Was können Kinder in welchem Alter? Entscheidungsfreiheit beim Essen etc.).

Eine sehr nachahmenswerte Initiative, die es auch für Eltern gilt zu honorieren. Das gezielte Nachfragen bei der Auswahl der geeigneten Kita – nicht nur nach dem Essensplan – kann bei rückläufigen Geburtenzahlen auch sehr schnell die Spreu vom Weizen trennen. Denn je höher die Nachfrage, desto besser das Angebot. Das gilt auch für Kitas mit qualifiziertem Erziehungspersonal in Sachen Ernährungsbildung.

Harald Seitz, www.aid.de

 

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