Prof. Dr. Peinelt: „Sieben Gründe, warum die deutsche Schulverpflegung so mangelhaft ist!“

1. Esskultur: Warum ein Land, in dem jeder Fernsehsender mit mindestens drei Kochsendungen aufwarten muss, so wenig Wert auf die schmackhafte und gesunde Verpflegung seiner Schulkinder legt, weiß der Himmel! Wer weder bereit ist, eine ausreichende Finanzierung bereitzustellen noch für eine einheitliche, praktikable und deshalb kostengünstige Organisation des Schulessens zu sorgen, sollte sich allerdings auch nicht über Kantinen und Zulieferer ereifern, die nicht in der Lage sind, den Anforderungen an eine gesunde Verpflegung der Kinder zu entsprechen. Die Wertschätzung von Lebensmitteln, das Wissen um Zubereitungsarten, über saisonale und regionale Besonderheiten von Gerichten könnte dagegen selbst zum Unterrichtsfach werden. Schließlich hat das Interesse am guten Essen in den vergangenen Jahrzehnten durchaus zugenommen. Kindern zu vermitteln, dass das gemeinsame Kochen und Essen ein Höhepunkt des Schultags sein kann, würde sich lohnen – denn nur solcherart Vorgebildete werden auch als Erwachsene nach guten Lebensmitteln verlangen.

2. Zuständigkeiten: Während in vielen europäischen Nachbarländern das gemeinsame Mittagessen zum Alltag der Schulkinder gehört, wird in Deutschland vielerorts noch über Sinn und Unsinn von Ganztagsschulen gestritten. Die Zuständigkeit der Länder für die Schulpolitik hat auch beim Schulessen zu einem heillosen Durcheinander geführt. Es mangelt an rechtlichen Vorgaben, einer rationellen Organisationsstruktur und einheitlicher Qualifizierung des Personals.

3. Besteuerung: Mögen Frankreich und Italien große Stücke auf ihre kulinarische Tradition halten, zu den zivilisatorischen Errungenschaften Deutschlands zählt sein Steuersystem. Und das legt fest: Wer im Stehen isst, isst günstiger. Seit Anfang 2009 wird auf Schulessen der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben, sofern es vom Caterer geliefert wird und der auch für die Ausgabe des Essens und die Geschirrreinigung sorgt. Wer Fastfood isst, zahlt dagegen nur den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent.

4. Personal: Ohne entsprechende rechtliche Vorgaben ist auch die Qualifikation des Personals vom Zufall abhängig. Profibetriebe wiesen in der Untersuchung der Uni Niederrhein vergleichsweise geringere Mängel auf als Amateure. Schulessen oder das Essen in der Kita wird in Deutschland aber nicht selten von Elterninitiativen privat organisiert. Engagierte Mütter kochen für die Kinder. Denen schmeckt es auch. Geschmack kann aber bei einer regelmäßigen Gemeinschaftsverpflegung nicht das einzige Kriterium sein.

5. Finanzierung: Ein kostenloses Mittagessen in deutschen Schulen und Kitas dürfte wohl auf absehbare Zeit ein Traum bleiben. Dabei wäre es unter bestimmten Voraussetzungen durchaus finanzierbar. Für etwa 500 Millionen Euro pro Jahr wäre es machbar, hat die AG „Schulverpflegung“ errechnet. Das umstrittene Betreuungsgeld kostet schätzungsweise zwei Milliarden Euro pro Jahr. Das Vierfache von dem, was ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Ganztagsschüler kosten würde.

6. Verpflegungssystem: Charakteristisch für das Essen in deutschen Schulkantinen ist die sogenannte „Warmverpflegung“. Lange Warmhaltezeiten und ein hoher Vitaminverlust sind die Folge. Vom jammervollen Anblick, den stundenlang warmgehaltenes Essen bietet, wissen Kantinenesser ein Lied zu singen. Experten plädieren deshalb für Kühl- und Tiefkühlkost, die in den Schulkantinen erwärmt oder fertig gekocht wird. Die Vorteile: ein höherer Vitamingehalt bei qualitativ hochwertigen, aber preiswerten Speisen.

7. Teilnahme am Schulessen: In Deutschland ist die Teilnahme am Schulessen keine Verpflichtung, wie auch in den meisten anderen europäischen Ländern nicht. Studien haben gezeigt, dass Kinder, besonders ältere Kinder, ihr Taschengeld in der Mittagspause lieber zu McDonald’s tragen, als in der Schulkantine zu essen. Wie man aus der Pflicht, am Essen teilzunehmen, auch ein Vergnügen machen kann, zeigt das Beispiel Japan: Hier ist das Schulessen ein lebendiger Teil des Unterrichts und der Gesellschaftskunde.

Quelle: Frankfurter Rundschau

2 Gedanken zu „Prof. Dr. Peinelt: „Sieben Gründe, warum die deutsche Schulverpflegung so mangelhaft ist!“

  • 26. Juni 2012 um 15:06
    Permalink

    Antwort:
    7 Gründe warum die Schulverpflegung in Baden-Württemberg gut ist ! –
    Im Musterländle des bürgerschaftlichen Engagements – 41% der Baden-Württemberger sind ehrenamtlich engagiert –

    1. Esskultur
    Laut unseren Recherchen wurde bereits im Jahr 1974 die erste Mensa von engagierten Eltern des Theodor-Heuss-Gymnasiums, Esslingen gegründet – es folgten 1979 die Mensa des Georgi-Gymnasium – viele weitere Gründungen erfolgten in den 80- und 90-iger Jahren. Ziel war, den Kindern die Nachmittags-Unterricht haben, in einer angenehmen Atmosphäre ein warmes Mittagessen anzubieten – aus regionalen und saisonalen Zutatenfrisch gekocht von engagierten Eltern. So konnte Esskultur vermittelt werden. Politisch war man in dieser Zeit weit weg von der Idee der Ganztagsschulen. Die damals entwickelten Modelle haben sich zwischenzeitlich professionalisiert und sind in der Schullandschaft fest etabliert.

    2. Zuständigkeiten
    Politisch erklärtes Ziel der Landesregierung ist es die Ganztagesschule einzuführen.
    Mit der Gründung der Vernetzungsstelle Schulverpflegung BW erhalten die Schulen fachkompetente Unterstützung. Eine optimale Schulverpflegung gibt es nicht. Auf die Besonderheiten der Gegebenheiten vor Ort muss eingegangen werden bei der Beratung der Kommunen, die zuständig sind für die Organisation der Mittagessensversorgung.

    3. Besteuerung
    Das Schulverpflegungs-Management kann von gemeinnützigen Mensavereinen / bzw. von Unterabteilungen von bestehenden Fördervereinen organisiert werden, damit sind bei Zweckbetrieben 7% UST fällig – bzw. eine UST-Befreiung kann unter bestimmten Voraussetzungen beim örtlichen Finanzamt beantragt werden.
    So ist die Mitsprache der Eltern gewährleistet.

    4. Personal
    Entweder wird qualifiziertes Personal von den Kommunen angestellt oder ehrenamtliches Fachpersonal / oder geschultes Hilfspersonal übernimmt die anfallenden Arbeiten.
    Ohne Subventionen ist eine gute Schulverpflegung nicht möglich!
    Ob eine Stadt die einzelnen Essen subventioniert z.B. Tübingen / Ostfildern … oder die hauswirtschaftliche Leiterin bezahlt z.B. Rutesheim / Köngen oder einen Personalkostenzuschuss jährlich bezahlt z.B. Lauda oder als Mensaleitung Jugendbegleiter qualifiziert und bezahlt oder den Mensabetrieb über ein Sozialunternehmen z.B. Bruderhaus-Diakonie führen lässt – oder über ein ehrenamtliches Mensamodell – es gibt in BW eine Vielfalt von Möglichkeiten die funktionieren – viele guten Beispiele beweisen dies.

    5. Finanzierung
    Ein vollwertiges Mittagessen für Schüler kostet Geld – das muss mit den Eltern in den Gremien, die an Schulen etabliert sind wie z.B. Elternbeirat / Förderverein / schulpolitischer Arbeitskreis /… gut kommuniziert werden

    6. Verpflegungssystem
    Alle bestehenden Systeme haben eine Daseins-Berechtigung und können jeweils optimiert werden. So gründen sich z.B. in BW kleinere und mittlere Caterer, die nur im Umkreis von 25 km ausliefern, so dass die Warmhaltezeiten keine Probleme bereiten. In unserer Vernetzung mensanet-BW sind über 35 Schulküchen organisiert, in denen jeweils noch vor Ort gekocht wird. Eine Festlegung auf nur ein System halten wir für falsch.

    7. Teilnahme am Schulessen
    Verpflichtung ? nein Danke – werden die Schüler / Eltern sagen. Durch ein attraktives Angebot in einer angenehmen Atmosphäre mit vorhandener Pausenzeit muss die Zielgruppe Schüler umworben werden, damit sie in freier Entscheidung ja „zu ihrer Mensa“ sagen. Da müssen sich die Kommunen und Anbieter anstrengen um für gute Rahmenbedingungen zu sorgen mit einem zielgruppenorientierten Angebot z.B. in Orientierung an die DGE-Qualitätsstandards für die Schulverpflegung BW.

    Margret Löhr, Dr. Verena Weiss
    http://www.mensanet-bw.de

    Antwort
    • 3. Juli 2012 um 08:19
      Permalink

      Sehr geehrte Damen,
      erlauben Sie mir zu Ihren Ausführungen ein paar kurze Anmerkungen spez. zur Frage der Systeme. Sie halten es für richtig, dass allen Systemen eine Daseinsberechtigung gegeben wird und lehnen daher strikt ab, ein System oder eine Systemgruppe, nämlich die temperaturentkoppelten, zu bevorzugen.
      Die Bevorzugung auf diese Systemgruppe sollte aufgrund der schlechten Voraussetzungen für das Selberkochen sowie für das Warmverpflegungssystem ausgesprochen werden, wie sie nun mal in Deutschland bestehen. Die Gründe für diese schlechten Voraussetzungen sollten bekannt sein und wurden oft beschrieben, weshalb ich sie hier nicht noch einmal wiederholen will. Das schließt natürlich nicht aus, dass es gut funktionierende Ausnahmen gibt. Dies scheinen Sie zu bestreiten.
      Es ist übrigens ein Missverständnis, wenn mir unterstellt wird, ich wollte rigoros auf diese entkoppelten Systeme umstellen lassen, ohne Rücksicht darauf, wie gut die jeweils existierenden Systeme vor Ort funktionieren. Das ist mitnichten der Fall. Richtig ist vielmehr, dass ich fordere, dass sich ALLE Betriebe (ob Großküche oder Schule) einer Zertifizierung stellen sollten. Dann zeigt sich ja, wie gut das System wirklich funktioniert.
      Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es gravierende Mängel aufweist, sollten Änderungen vorgenommen werden. Dann kämen vielleicht als Retter doch wieder die entkoppelten Systeme ins Spiel. Könnten wir uns denn auf ein solches Vorgehen einigen? Gegen eine Kontrolle werden Sie doch wohl nichts einzuwenden haben, oder? Wenn dies intelligent organisiert wird, lassen sich die Kosten für die Zertifizierung sehr niedrig halten. Meine Berechnungen haben ergeben, dass die Zertifizierung weniger als einen Cent pro Mittagessen kosten könnte.
      Mit freundlichen Grüßen
      Prof. Dr. V. Peinelt

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