BLL contra Nutri-Score-Ampel

Nicht nur foodwatch, sondern auch Ärzteverbände, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen in vielen europäischen Ländern fordern schon seit langem verbindliche Maßnahmen gegen Fehlernährung und Übergewicht – eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben ist dabei ein wichtiger Baustein. Darüber hinaus fordern die Expertinnen und Experten Beschränkungen bei der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung, verbindliche Standards beim Schul- und Kitaessen, eine Limo-Steuer sowie eine Mehrwertsteuerbefreiung für Obst und Gemüse. (foodwatch)

BLL dazu im Einklang mit der Bundesregierung

Die Etablierung eines weiterentwickelten Nährwertkennzeichnungssystems ist aus Sicht des Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) nur dann sinnvoll, wenn es einen Mehrwert zu der verpflichtenden Nährwerttabelle liefert, also auf einen Blick die Bedeutung und den Beitrag des Lebensmittels zur täglichen Ernährung zutreffend darstellt. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Lebensmittelunternehmer lehne angeblich eine subjektive Bewertung von Lebensmitteln, beispielsweise durch die Verwendung von Ampelfarben, angesichts unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben ab. Eine simple Einteilung von Lebensmitteln oder deren Inhaltsstoffe in „positiv“ und „negativ“ sei zu kurz gegriffen und wird der Komplexität der Ernährungswissenschaften nicht gerecht. Solche Systeme suggerieren, dass ein bestimmtes Produkt gesund oder eben ungesund ist. Ein ausgeglichenes Nährwertprofil eines jedes einzelnen Lebensmittels ist aber aus ernährungswissenschaftlicher Sicht schwer möglich und auch nicht notwendig, da im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung durchaus Lebensmittel mit unterschiedlichem Nährwertprofil kombiniert werden können. Der BLL hatte vor dem Hintergrund des Koalitionsvertrages nun ein eigenes Modell entwickelt und dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgestellt. Das Modell arbeite visuell, solle dem Verbraucher die Wahl erleichtern und treffe auf Grundlage der dargestellten erreichten Referenzmengen Aussage zu den einzelnen Nährstoffen und dem Kaloriengehalt. Zudem erfülle es die Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen der europäischen Lebensmittelinformations-Verordnung. (BLL)

Dazu foodwatch:

Eine unabhängige Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Nutri-Score-Ampel die verständlichste Nährwertkennzeichnung ist. Eine internationale Forschergruppe hat fünf Modelle miteinander verglichen und eine Umfrage unter Verbraucherinnen und Verbrauchern durchgeführt.

Der Nutri-Score erfreut sich in ganz Europa zunehmender Beliebtheit: In Frankreich und Belgien gibt es ihn schon, und auch die Regierungen in Spanien, Portugal und Luxemburg wollen die Nährwert-Ampel einführen und damit für mehr Transparenz bei der Lebensmittelkennzeichnung sorgen. Jetzt zeigt eine Vergleichsstudie, dass der Nutri-Score unter den am häufigsten diskutierten Nährwertkennzeichnungen die verständlichste ist. 

Fünf Modelle im Vergleich

Eine Forschergruppe der Universität Paris-Nord und der Curtin University Australien hatte in mehreren Ländern fünf Modelle zur Kennzeichnung von Nährwerten wie Zucker, Fett und Salz auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen untersucht. Neben der französischen Lebensmittelampel Nutri-Score wurden die britische Lebensmittelampel („Multiple Traffic Lights“), das in Australien und Neuseeland verwendete „Health Star Rating System“, das chilenische Warnzeichen sowie die von der Industrie entwickelte und freiwillig eingesetzte GDA-Kennzeichnung („Reference Intakes“/„Guideline Daily Amount“) verglichen. Die Nutri-Score-Ampel schnitt unter 1.000 befragten deutschen Verbraucherinnen und Verbrauchern am besten ab.

Ministerin Klöckner ignoriert Wissenschaft

Obwohl damit inzwischen mehr als 30 wissenschaftliche Studien zum Nutri-Score vorliegen, lehnt Bundesernährungsministerin Julia Klöckner das Modell weiter ab und behauptet, es gebe weiteren Forschungsbedarf. Während sich immer mehr Länder für den Nutri-Score entscheiden, will Frau Klöckner weiter forschen und bis zum Sommer ein eigenes Modell zur Nährwertkennzeichnung vorlegen. (foodwatch)