Der Essalltag berufstätiger Mütter + ihrer Kinder

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe: Immer mehr (Kitas und) Schulen organisieren Verpflegungsangebote, ein Trend, der mehrere Ursachen hat. Ein wichtiger Beweggrund liegt im tiefgreifenden Strukturwandel von Familien: Sie können und wollen ihre Rolle in Sachen Ernährung nicht mehr in der alten Weise wahrnehmen; vor allem aufgrund der wachsenden Erwerbsbeteiligung von Müttern wandeln sich häusliche Mahlzeitenmuster. In den Familien wird heute nicht einfach nur weniger, sondern auch anders gekocht und gegessen – allerdings mit typenspezifischen Unterschieden.  Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie von Kitas und Schulen die Entwicklung verlässlicher und ergänzender Angebote erfordern. Welche differenzierten Bedarfe beim Ausbau einer verlässlichen und  akzeptierten Schulverpflegung Beachtung finden müssen, wird im Vortrag auf der Basis einer Typologie der Ernährungsversorgung herausgearbeitet. Diese Befunde wurden in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie[1] zwischen 2004 und 2007 erstmals detailliert untersucht. Wie organisieren und gestalten berufstätige Mütter unterschiedlicher sozialer Milieus zu Beginn des 21. Jahrhunderts die an 365 Tagen im Jahr beständig wiederkehrende Anforderung der familialen Ernährungsversorgung in Deutschland? Welche Sinnsetzungen und Ansprüche formulieren und verbinden berufstätige Mütter aus verschiedenen Bildungs- bzw. Berufsgruppen mit den Familienmahlzeiten oder anders arrangierten Settings der täglichen Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum? Die Bewältigung ihres täglichen beruflichen Arbeitspensums sowie die Sicherstellung der Ernährung ihrer Kinder zwingt viele der Mütter auch zu üblicherweise erwerbsarbeitsfreien Zeiten an Abenden oder an Feiertagen und Wochenenden auf Kosten eigener Bedürfnisse nach Entspannung und Rekreation beruflich tätig zu sein. Es kristallisiert sich ein erheblicher Unterstützungsbedarf im öffentlichen Raum heraus, um eine gelingende und gesundheitsförderliche Balance von Beruf und Familie zu erreichen, die bisher allenfalls in Ansätzen befriedigt wird.

Folglich gilt es, Schulen als sozialräumliche Gelegenheits- und familiale Entlastungsstrukturen auszugestalten, in denen eine gesunde Kost von hoher Qualität angeboten wird, in denen Jungen und Mädchen in ansprechenden Räumlichkeiten essen lernen, wo sie aber auch in den Prozess der Mahlzeitenvor- und -zubereitung einbezogen werden und wo sie lernen, sich mit tradierten Geschlechterrollen auseinandersetzen. Auch in diesem Bereich ist eine stärkere öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern gefragt. Es handelt sich dabei keineswegs um eine triviale Angelegenheit, sondern um die Sicherstellung einer guten Grundversorgung für Kinder, die ihre Lern- und Leistungsfähigkeit steigert, aber auch um den Erwerb entsprechender Alltagskompetenzen und Kulturtechniken. Außerdem wird die gesellschaftlich angestrebte Ausweitung der Erwerbsbeteiligung einer immer besser qualifizierten Müttergeneration dadurch spürbar erleichtert.


[1] Die Studie „Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum – Der Essalltag von Familienhaushalten“ wurde am Fachbereich 09 „Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement“ der Justus-Liebig-Universität Gießen von Prof. Dr. Ingrid-Ute Leonhäuser und Prof. Dr. sc. Uta Meier-Gräwe geleitet und von Dr. Anke Möser, Uta Zander und unter Mitarbeit von J. Köhler realisiert.

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