Soziale Schere droht weiter aufzugehen

Eine überwältigende Mehrheit der Lehrkräfte an deutschen Schulen hat ihren Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie geleistet. 95 Prozent verfügten bereits Ende September über einen vollständigen Impfschutz. Das geht aus einer repräsentativen Befragung von Lehrkräften im Auftrag der Robert Bosch Stiftung GmbH hervor. Die Ergebnisse dieser zweiten Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial hat die Stiftung heute auf dem Deutschen Schulportal veröffentlicht. Die Daten gewähren einen umfassenden Einblick in die Folgen der langen Schulschließungen für Schüler:innen.

So geben 71 Prozent der Lehrkräfte an, dass im vergangenen Schuljahr weniger Kinder und Jugendliche die Lernziele erreicht haben als in den Vorjahren. Zu Beginn des laufenden Schuljahrs schätzen die Befragten den Anteil der Kinder mit deutlichen Lernrückständen auf durchschnittlich 33 Prozent. Auch mit Blick auf das psychosoziale Wohlbefinden berichten Lehrkräfte von Auffälligkeiten bei ihren Schüler:innen. So haben Motivations- und Konzentrationsprobleme seit Beginn der Pandemie zugenommen (68 bzw. 67 Prozent aller Befragten). Eine gestiegene körperliche Unruhe beobachten 42 Prozent aller Lehrkräfte. Etwa jede vierte Lehrkraft hat mit Lernenden zu tun, die häufiger der Schule fernbleiben (26 Prozent) oder verstärkt aggressives Verhalten zeigen (23 Prozent). Nur jede zehnte Lehrkraft macht keinerlei derartige Beobachtungen (11 Prozent).

Soziale Ungleichheit nimmt zu – Schulen an sozial benachteiligten Standorten von Pandemiefolgen besonders betroffen

80 Prozent der Lehrkräfte stellen fest, dass sich die soziale Ungleichheit durch die Schulschließungen weiter verstärkt hat. Besonders betroffen von den Auswirkungen der Pandemie sind Schulen, an denen Eltern mehrheitlich staatliche Hilfen erhalten. Lehrkräfte, die an Schulen in sozial benachteiligter Lage unterrichten, sehen bei knapp jedem zweiten ihrer Schüler:innen (49 Prozent) deutliche Lernrückstände. Der Anteil der Lehrkräfte, die besonders große Zahlen an Schüler:innen mit Lernrückständen beobachten, ist an Schulen an sozial benachteiligten Standorten doppelt so hoch wie im Mittel aller Schulen (34 zu 17 Prozent).

Auch psychosoziale Folgen zeigen sich an Schulen mit einem hohen Anteil armer Schüler:innen häufiger. Dort berichten Lehrkräfte unter anderem deutlich häufiger von einem Anstieg aggressiven Verhaltens (44 Prozent) als der Durchschnitt (23 Prozent).

„Die Corona-Pandemie hat diejenigen Schülerinnen und Schüler am härtesten getroffen, die sozial ohnehin am meisten benachteiligt sind“, sagt Bernhard Straub, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung. „Deshalb ist es richtig und wichtig, wenn in den Koalitionsverhandlungen im Bund der Fokus auf Unterstützung für die Kinder gelegt wird, die am meisten Hilfe benötigen. Kurzfristig kommt es vor allem darauf an, weitere Schulschließungen zu verhindern, damit die soziale Schere nicht noch weiter aufgeht.“

Schulen im Brennpunkt besonders schlecht für eine vierte Pandemie-Welle gerüstet

Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometer Spezial zeigen auch, dass Schulen mit vielen armen Kindern für einen möglichen erneuten Anstieg der Inzidenzzahlen im Herbst am schlechtesten gewappnet sind. Bislang sind Luftfilter an fast allen deutschen Schulen Mangelware: Nur in 26 Prozent aller Schulen kommen laut der Befragten überhaupt derartige Geräte zum Einsatz; oft sind es zu wenig Geräte für die Ausstattung aller Räume. An Brennpunktschulen verfügen nur sechs Prozent aller Schulen über genug Geräte, um damit einen Großteil ihrer Räume bestücken zu können.

Ein verbindliches Fernunterrichts-Konzept fehlt auch im zweiten Pandemiejahr an jeder zweiten deutschen Schule (48 Prozent). An Schulen in prekärer Lage vermissen ein solches Konzept sogar 57 Prozent aller dort tätigen Lehrkräfte. Auch bei der technischen Ausstattung der Schule beklagen sie besonders häufig großen Verbesserungsbedarf (69 Prozent gegenüber 59 Prozent aller Befragten).

Ausreichend schnelles Internet gibt es an Schulen in benachteiligter Lage nur für 33 Prozent (38 Prozent im Mittel aller Schulen); auf Unterricht per Videokonferenz wäre nur knapp jede zweite dieser Schulen vorbereitet (49%, gegenüber 61% aller Schulen). In Summe attestiert deshalb nur etwas mehr als jede vierte Lehrkraft, die an einer Schule mit vielen armen Schüler:innen unterrichtet, eine adäquate Vorbereitung auf einen erneuten Fernunterricht. Im Durchschnitt aller allgemeinbildenden Schulen geben die Lehrkräfte hingegen mehrheitlich (51%) an, dafür „gut oder sehr gut“ vorbereitet zu sein.

„Dass Schulen mit geballten sozialen Problemlagen im zweiten Jahr der Pandemie noch immer mit sehr großen Herausforderungen zu kämpfen haben, dürfen wir nicht länger hinnehmen“, sagt Bernhard Straub. „Die nächste Bundesregierung muss, wie im Sondierungspapier vorgesehen, die dauerhafte und substanzielle Unterstützung von Schulen in benachteiligter Lage zur Top-Priorität machen. Dazu muss das Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen neu austariert werden. Außerdem brauchen wir endlich einen deutschlandweit einheitlichen Indikator, um Schulen mit besonderen Unterstützungsbedarfen zu identifizieren.“