Lehrertag in Dortmund: Die soziale Spaltung ist gewachsen

Hat sich die Abhängigkeit des schulischen Erfolges von der sozialen Herkunft der Kinder geändert, seitdem in Deutschland intensiv darüber berichtet, geforscht und diskutiert wird? Ja, sagt Prof. Michael Hartmann. Aber nicht zum Positiven, denn die soziale Spaltung ist gewachsen. Das belegte der Eliteforscher in seinem Eingangsreferat auf dem Deutschen Lehrertag mit harten Fakten. Hartmann äußerte aber nicht nur Kritik am Bildungssystem, er hatte auch Antworten auf die drängenden Fragen mitgebracht. Ebenso wie sein Kollege, der Ulmer Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer. Rund 1000 Lehrerinnen und Lehren folgten am 19. November gespannt den Ausführungen der beiden Wissenschaftler in der Dortmunder Westfalenhalle.

Zwischen den beiden Gastvorträgen lagen insgesamt elf Workshops, in denen sich die Teilnehmer ganz konkret über Anregungen zum Unterrichten in heterogenen Gruppen, über Berufsorientierung in der Sekundarstufe oder Aufgabenformate in der Mathematik zum Fordern und Fördern aller Kinder informieren konnten. Der Weiterbildungstag zum Thema „Fördern & Fordern“ wurde gemeinsam von VBE, VdS Bildungsmedien, Stiftung Partner für Schule NRW und dem Arbeitskreis Hauptschule veranstaltet.

„Das Kooperationsverbot hat sich nicht bewährt“

Für die politische Prominenz auf dem Deutschen Lehrertag war klar, dass sich das Kooperationsverbot aus der Föderalismusreform I nicht bewährt hat. Ganz konkret wünschte sich deshalb die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann, „dass wieder gesetzliche Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Gemeinden geschaffen werden, um den künftigen Herausforderungen in der Bildungspolitik gerecht werden zu können.“ VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann freute sich, „dass wir hier an einem Strang ziehen“. Als Beispiel für eine gemeinsame Bildungsaufgabe nannte Löhrmann das Thema Inklusion. Zwar habe die Bundesrepublik die Menschenrechtskonvention unterzeichnet, aber „für den Bund leiten sich daraus keine Anforderungen an das eigene Tun ab. Das passt nicht zusammen.“

Grundschulempfehlung eine „dramatische Weichenstellung.“

Klare Worte und deutliche Zahlen dann von Michael Hartmann: „Die aktuelle Situation ist unterschiedlich schlimm, schlimm ist sie in fast allen Bereichen“, so der Darmstädter Wissenschaftler ganz ohne Umschweife. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gebe es nicht einmal für jedes zehnte Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz, in den westlichen Bundesländern liege die Quote derzeit bei durchschnittlich 12 Prozent. Wenig Chancen attestierte er der Politik für das Ziel, bis 2013 für 30 Prozent der Kinder einen Platz zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig ließ der Wissenschaftler keinen Zweifel daran, dass eine Quote von mindestens 70 Prozent notwendig sei. In der nächsten Bildungsstation, dem Kindergarten liege die Quote zwar mittlerweile bei immerhin 95 Prozent, aber Mängel gebe es noch in der Erzieherinnenausbildung. Schließlich die Grundschule, der es zwar gelinge, soziale Herkunftsaspekte zum Teil ausgleichen, an deren Ende steht aber eine für die Kinder „dramatische Weichenstellung.“ Hartmann belegte, wie sich die soziale Ungleichheit im Bildungssystem in den Jahren zwischen 2003 und 2006 verschärf hat: Im Jahr 2003 gingen demnach 58,6 Prozent der Kinder aus dem oberen Viertel der sozialen Schichten zum Gymnasium und 7,5 Prozent zur Hauptschule. 2006 waren es auf dem Gymnasium bereits 59,7 Prozent und nur noch 7 Prozent in der Hauptschule. Aus dem unteren Viertel der Gesellschaft sank im gleichen Zeitraum der Anteil derjenigen, die zum Gymnasium gingen, von 12,5 auf 11,7 Prozent, während der Anteil der Hauptschüler von 38,4 auf 38,8 Prozent stieg. Für den Wissenschaftler „eine sehr schnelle Veränderung für einen so kurzen Zeitraum.“

Neue Dreigliedrigkeit

Und schließlich warnte er vor einer neuen Dreigliedrigkeit des Schulsystems. „Wenn man Hauptschule und Realschule zusammenlegt, besteht die akute Gefahr, dass der untere Teil der Hauptschüler ausgesiebt wird, dass eben nicht jeder Schüler individuell gefördert wird, sondern: Wer nicht passt, muss woanders hin. Die Sonderschule bietet sich ja dafür an.“ Sein Beleg: der inzwischen zweistellige Anteil der Sonderschüler in Mecklenburg-Vorpommern. Zwei entscheidende Möglichkeiten zeigte Michael Hartmann auf, um diesem Trend entgegenzuwirken. Erstens sei das Bildungssystem zwar ungeheuer wichtig, wenn es um Chancengleichheit und um Lebensperspektiven gehe, aber „das Prinzip des Förderns gelingt mit Abstand am besten in den Ländern, die ein ausgebautes Sozialsystem mit einem durchlässigen Bildungssystem verbinden.“ Und zweitens: Es müsse dringend mehr Geld für das Bildungssystem bereitgestellt werden. Dass vor drei Jahren nur ein Schüler, mittlerweile aber 35 von 120 Schülern der Berliner Rütli-Schule nach der zehnten Klasse auf die gymnasiale Oberstufe wechselten, habe sehr viel damit zu tun, dass jetzt Geld für vier Sozialarbeiter und zwei multikulturelle Kommunikatoren ausgegeben werde.

„Unser Hirn ist kein Schukarton“

Auch Prof. Manfred Spitzer forderte, dass mehr und anders in Bildung investiert werden müsse. Denn die Umgebung habe einen Rieseneffekt auf das Lernen: „An der Umgebung können wir etwas drehen – im Kindergarten, in der Schule, und zu Hause.“ Und schließlich sei das menschliche nicht vergleichbar mit einem Behälter. „Unser Hirn ist kein Schuhkarton, in den, wenn er halb voll ist, nur noch halb so viel hineinpasst. Unser Hirn ist paradox: Je mehr drin ist, desto mehr passt noch hinein. Oder: Wer schon viel gelernt hat, der kann daran andocken.“ Entscheidend seien also die früh gelegten Grundsteine. Seine Schlussfolgerung: „Dass die berufliche Weiterbildung die Betroffenen oft nichts kostet und Eltern den Kindergarten bezahlen müssen, ist neurowissenschaftlich schlicht falsch herum.“ Ganz pragmatisch warb Spitzer für „Fingerspiele statt Computer“ im Kindergarten und warnte vor interaktiven Whiteboards in Schulen, „teuren elektronischen Geräten, von denen nicht bewiesen ist, dass sie in der Bildung irgendetwas bewirken. Was man aber weiß, ist, dass sie in fünf Jahren wieder veraltet oder kaputt sind – und eine Tafel hält hundert Jahre.“ Statt Geld in diese Technik zu stecken, sollte mehr Personal eingestellt werden. Eine Wunschvorstellung, die wohl ebenso wenig Realität werden wird wie die flächendeckende Ausstattung der Schulen mit interaktiven Tafeln. Dafür hatte Spitzer bereits vorab die Argumente geliefert: „Nach dem dritten Bildungsgipfel sollten zehn Milliarden für Bildung ausgegeben werden. Aber man hat sich darauf geeinigt, dass man sich nicht einig ist und deswegen das Geld nicht ausgibt.“

Hohe Bereitcshaft zur Weiterbildung

Der Vortragssaal Westfalenhalle war noch bis zum Ende der Veranstaltung am Freitagnachmittag bis auf den letzten Platz besetzt. Grund für den VBE-Bundesvorsitzenden Udo Beckmann zu betonen: „Lehrerinnen und Lehrer haben eine hohe Bereitschaft, sich fort- und weiterzubilden. Sie erteilen mit ihrem Kommen all denen eine Lektion, die in der politischen Verantwortung stehen und die Lehrerinnen und Lehrer gern als ´lernunwillig` verunglimpfen, ihnen aber gleichzeitig die notwendigen Fort- und Weiterbildungsangebote vorenthalten.“ Wer Schule verändern wolle, der dürfe nicht nur Forderungen an Schulen aufstellen, sondern müsse in erster Linie Lehrerinnen und Lehrer in die Lage versetzen, die gewollten Veränderungen erreichen zu können. Dazu habe auch der Deutsche Lehrertag 2010 einen konkreten Beitrag geleistet.

Quelle: Bildungsklick

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