Uwe Knop: “ – Aus Wasser wurde Wein – aus Korrelationen werden Kausalitäten“

Das Fundament der Ernährungswissenschaften bilden epidemiologische Untersuchungen, im Kern Beobachtungsstudien. Diese limitierte Form des Studiendesigns liefert jedoch keine Kausalevidenz, also keine Ursache-Wirkungs-Belege, sondern nur Korrelationen – und diese statistischen Zusammenhänge lassen nur Vermutungen und Hypothesen zu – korrekt formuliert im Konjunktiv. Doch das sehen die PR-Abteilungen zahlreicher Fachgesellschaften immer wieder sehr gerne ganz anders: Aus Korrelationen werden dann einfach Kausalitäten „gebastelt“. Warum? Mit Konjunktivismen lockt man keine Journalisten. Kurzum: So wird Meinung gemacht – oder anders, gesagt: Das sind die wahren „alternativen (Fake) Fakten“. Ein aktuelles Beispiel verdeutlicht das Schema X.

Am 10.11. lanciert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) anlässlich einer neuen Studie eine Pressemeldung [1], die in der Einleitung kolportiert: „Eine umfassende britische Studie konnte jetzt nachweisen, dass sich eine gesunde Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist, nicht nur auf die körperliche Gesundheit positiv auswirkt, sondern auch auf die seelische.“ Ergo wird hier den Medien als Empfänger der PR-Meldung klar Kausalität aufgetischt. Ein schneller Blick in die Quelle der kinderärztlichen Pressemeldung führt sowohl zu zwei weiteren englischen Pressemeldungen [2,3] als auch zum Originalpaper [4] Und, welch` Überraschung:

Sowohl in beiden referenzierten englischen Pressemeldungen werden in den Headlines nur Zusammenhänge/Korrelationen dargestellt („have better“) als auch im  Originalpaper: Die Studie nennt bereits im Titel nur „associations“ (Zusammenhänge) und formuliert auch in den Conclusions des Abstracts (Schlussfolgerungen der Studie) klar und unmissverständlich non-kausal:

„These findings suggest that public health strategies to optimise the mental well-being of children should include promotion of good nutrition.“

Ergo: Die Ergebnisse legen nahe, dass man etwas tuen sollte. Kann man so sehen, muss man nicht, ist aber auf jeden Fall korrekt vorsichtig-interpretierend formuliert. Nun stellt sich (mal wieder) die Gretchenfrage: Warum entscheidet sich der BVKJ bewusst dafür, den Indikativ zu wählen? Denn so wird aus der Pressemeldung keine objektiv-wissenschaftliche Interpretation der Studie, sondern: Die Medienmitteilung vermittelt die subjektive „persönliche Meinung“/Interpretation des  BVKJ zum aktuellen Paper. Warum und wieso? Darüber lässt sich konstruktiv spekulieren und diskutieren … indiskutabel hingegen ist der Tatsache, dass (auch) diese neue Studie keinen wissenschaftlichen Beweis (Kausalevidenz) liefert, dass mehr Obst und Gemüse die lieben kleinen Kinderchen körperlich und seelisch gesund macht. Das ist und bleibt reine Spekulation. Vor allem, wenn man sich dazu noch die niedrigen Korrelations-Werte im Paper ganz konkret anschaut …

Wahnsinns-Werte

70 Punkte Psychogesundheit war das Maximum für Sekundärschüler und 60 für Grundschüler. Davon erreichten beide Gruppen im Schnitt. etwa 46. Im Vergleich zu Sekundarschülern, die kein Obst oder Gemüse verzehrten, korrelierte der Verzehr von fünf (oder mehr) Portionen mit einem um 3,7 Einheiten höheren Wert. Also konkret: 49,7 statt 46. Phänomenal, da hüpft die Psyche in Richtung Hybris! Spaß beiseite: Neben diesem kleinen Anstieg stellt sich auch die Frage: Welchen Kinder essen niemals Obst & Gemüse, also überhaupt nicht? Das ist schwer vorstellbar. Ergo alles in allem wissenschaftlich sehr sehr schwach und wenig überzeugend. Aber da hätten wir noch was …

Äpfel mit Birnen vergleichen? Äpfel mit Gewalt!

Ein hanebüchener Vergleich in der Studie soll anscheinend die limitierte Aussagekraft der kleinen Korrelationen negativ emotional aufwerten: „Der Unterschied in punkto psychisches Wohlbefinden zwischen den Kindern, die am meisten und am wenigsten Obst und Gemüse verzehrten, war vergleichbar wie die Differenz bei Kindern, die (fast) täglich Streit oder Gewalt zu Hause erlebten.“ Welche Botschaft soll „subtil“ vermittelt werden? Wenig Birnen und Brokkoli essen erzeugt den gleichen Psychostress wie Gewalt zu Hause? Das ist absurd.

Es geht auch anders – und zwar richtig

Kommen wir nochmal kurz zurück zum Kern dieses Beitrags: Im Gegensatz zur BVKJ-PR sieht die Berichterstattung zur aktuellen Studie m Deutschen Ärzteblatt ganz anders aus. Hier zeigt sich auch, wie ein solcher Studienartikel korrekt formuliert wird [5]: Die Headline informiert nicht nur wissenschaftlich sauber: „Höherer Verzehr von Obst und Gemüse korreliert mit besserer psychischer Gesundheit bei Schülern“. Der Artikel enthält auch transparent den obligatorischen Hinweis, der inzwischen bei seriösen Medienberichten zu epidemiologischen Studien zum Standard geworden ist: „Sie (die Autoren) weisen allerdings darauf hin, dass es sich bei Untersuchung um eine Beobachtungsstudie handelt, welche die Ursache nicht klärt.“

Essgrammatik statt intuitive Kinderernährung?

Abschließend sei allen Eltern, KITA- und Schulversorger einfach nur zum Sinnieren und „wirken-lassen“  diese haarkleinen Gramm-Empfehlungen in der Pressemeldung des BVKJ kredenzt:  „Ein 6 Jahre altes Kind sollte pro Tag 230 Gramm Gemüse und 210 Gramm Obst verzehren, ein 7 bis 9 Jahres altes Kind 270 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst, ein 13- bis 14-jähriges Mädchen 320 Gramm Gemüse und 300 Gramm Obst, ein gleichaltriger Junge 390 Gramm Gemüse und 360 Gramm Obst, ein 15- bis 17-jähriges Mädchen 340 Gramm Gemüse und 310 Gramm Obst, ein Junge in diesem Alter 440 Gramm Gemüse und 410 Gramm Obst. Obst sollte etwa 11% und Gemüse etwa 12% der Nahrungsmittel ausmachen, die Heranwachsende konsumieren“.

In diesem Sinne: Kindesalter checken, Waagen raus und los geht’s mit der Essgrammatik!

Abschließend noch eine Frage des Autors dieses Artikels, Uwe Knop: Was mich persönlich interessiert: Wie sehen die Schulversorger diese haarkleinen Gramm-Empfehlungen? Schreiben Sie mir gerne dazu an kontakt@echte-esser.de

[1] BVKJ-Pressmeldung: Gesunde Ernährung reich an Obst und Gemüse wirkt sich auch auf seelisches Wohlbefinden aus

[2] CHILDREN WHO EAT MORE FRUIT AND VEG HAVE BETTER MENTAL HEALTH

[3] Children who eat more fruit and veggies have better mental health

[4] Cross-sectional associations of schoolchildren’s fruit and vegetable consumption, and meal choices, with their mental well-being: a cross-sectional study

[5] „Höherer Verzehr von Obst und Gemüse korreliert mit besserer psychischer Gesundheit bei Schülern“