Hühnerfleisch: zu welchem Preis? Neuer Lebensmittelskandal in Großbritannien

Schon wieder kommt ein neuer Skandal der Nahrungsmittelindustrie ans Tageslicht. Nach jüngsten Berichten sind zwei Drittel des Hühnerfleischs in Großbritannien durch Bakterien der Gattung Campylobacter verseucht. Dieses Bakterium ist jedes Jahr für über 280.000 Lebensmittelvergiftungen und geschätzt über 100 Todesfälle verantwortlich. Wieder einmal müssen wir uns mit den Gefahren der intensiven Nahrungsmittelproduktion auseinandersetzen, die das Streben nach Profit über alles andere stellt.

„Schon wieder ein Nahrungsmittelskandal. Heute in Großbritannien, aber morgen in einem anderen beliebigen Land – angesichts des globalen Systems der industriellen Massenproduktion,“ so der Generalsekretär von Slow Food International, Paolo Di Croce. „Aus diesem Grund setzt sich unser globales Netzwerk für ein stärkeres Bewusstsein der Verbraucher hinsichtlich der Herkunft ihrer Nahrungsmittel ein. Wir engagieren uns für die Stärkung nachhaltiger, kleinerer Produktions- und Konsumsysteme. Die Information und die Erziehung im Bereich Ernährung sind unsere Werkzeuge, mit denen wir den gegenwärtigen Zustand ändern können, und wir werden diesen Weg mit großer Entschlossenheit weiter gehen.“

Als Reaktion auf den neuen Lebensmittelskandal, der die britische Öffentlichkeit aufgeschreckt hat, gab Slow Food UK folgende Erklärung ab:

Der Pferdefleischskandal im vergangenen Jahr hat unser Vertrauen in die Produkte großer Nahrungsmittelkonzerne schon erstarren lassen. Verantwortungslosigkeit ist eine endemische Krankheit der Nahrungsmittelindustrie, die für höheren Profit größtmögliche Einsparungen anstrebt – zu Lasten geeigneter Hygienemaßnahmen, des Tierwohls und der menschlichen Gesundheit. Wir müssen uns über die Auswirkungen niedriger Lebensmittelpreise bewusst werden und Externalitäten berücksichtigen.

Was läuft falsch im Nahrungsmittelsystem?

Trotz konzertierter Anstrengungen seitens der „Food Standards Agency“ (Lebensmittelbehörde) für strengere Hygienebestimmungen, gibt es immer mehr Probleme mit verunreinigtem Fleisch. Die Fleischindustrie hält sich einfach nicht an die Nahrungsmittelgesetze und gefährdet so unsere Gesundheit. Teil des Problems ist die Nachfrage nach immer niedrigeren Preisen seitens der Supermärkte, durch die die Zulieferer gezwungen werden einzusparen wo es nur geht, um überhaupt noch profitabel arbeiten zu können.

Dieses immer schnellere System der Nahrungsmittelproduktion wird durch den Drang nach maximaler Effizienz bestimmt. Produktionsunterbrechungen für die Reinigung und Reparatur von Maschinen bedeutet weniger Profit. Und bei den geringen Gewinnmargen kommt die Hygiene einfach zu kurz. Der Fokus liegt auf Quantität und nicht auf Qualität. Ein weiterer Punkt ist die Tatsache – und dafür ist der jüngste Skandal ebenfalls ein Symbol –, dass der Großteil der britischen Fleischproduktion von wenigen Konzernen kontrolliert wird. Außerdem haben diverse Supermarkt- und Nahrungsmittelketten das Einzelhandelsmonopol inne. Und dieser großen Macht in Händen einiger weniger hat man nur wenig entgegen zu setzen. Selbst die nationale Lebensmittelbehörde FSA, die vor Kurzem erklärte, die Supermärkte und Unternehmen, die stark mit Campylobacter verunreinigtes Geflügelfleisch lagern, durch die Veröffentlichung entsprechender Statistiken an den Pranger stellen zu wollen,  wurde von den betroffenen Produzenten und Händlern zum Nachgeben gezwungen. Es handelt sich um ein systemisches Problem, das Nachverfolgbarkeit und Verantwortlichkeit unmöglich macht.

Innerhalb dieses industrialisierten Nahrungsmittelsystems haben wir die Verbindung zu den Quellen unserer Lebensmittel verloren. Wir legen unsere Gesundheit in die Hände von schlecht bezahlten Fabrikarbeitern, die sich nur wenig darum scheren, wo die Nahrungsmittel, mit denen sie zu tun haben, am Ende landen. Selbst wenn Etiketten und Verpackungen eine sichere Nahrung vorgaukeln wollen, beweisen die Fakten und Zahlen das Gegenteil.

Was ist die Lösung des Problems?

Slow Food UK ist davon überzeugt, dass das Konzept der intensiven Nahrungsmittelproduktion, das heute die Norm ist, unsere Gesundheit, unsere Umwelt und unsere Gemeinschaften schädigt und dabei das Tierwohl außen vor lässt. In Großbritannien werden riesige Mengen an billigem Fleisch konsumiert. Woher es kommt oder wie es hergestellt wurde, interessiert kaum jemanden. Aus diesem Grund setzen wir uns ein für gute, saubere und faire Lebensmittel für alle. Wir müssen uns wieder auf den Wert dessen, was wir essen, besinnen, und mehr Geld ausgeben für qualitativ hochwertige Lebensmittel, die umweltfreundlich erzeugt werden. Der Preis für diese Lebensmittel muss dabei die wahren Produktionskosten widerspiegeln. Wir von Slow Food glauben, dass der Neuaufbau eines regionalen bzw. lokalen Nahrungsmittelsystems eine stärkere Selbstregulierung zur Folge hat bei der Erzeuger ein persönliches Interesse an der Produktion von Lebensmitteln mit Qualität haben. Kleinbäuerliche, in eine lokale Gemeinschaft eingebundene Erzeuger tragen gegenüber ihren Kunden eine direkte Verantwortung und sind zur Herstellung von qualitativ und hygienisch guten Nahrungsmitteln verpflichtet. Indem man die Menschen wieder mit ihrer Region und ihren Lebensmitteln in Verbindung bringt, geht man letztendlich den richtigen Weg.

Einige kleinbäuerliche Erzeuger unseres Netzwerks produzieren Bio-Geflügel aus Freilandhaltung und ermöglichen den Tieren natürliches Wachstum und eine gute Lebensdauer. Diese Züchter nutzen hygienische, arbeitsintensive Verarbeitungsmethoden wie das Trockenrupfen der Hühner, bei dem das Geflügelfleisch aufgehängt werden kann und sich die natürlichen Aromen des Fleischs entwickeln können. Diese Methode der Fleischproduktion ist zwar dementsprechend kostenaufwändiger, doch die Fleischqualität spricht für sich selbst und Sie können sicher sein, dass die Tiere mit Respekt und Achtsamkeit behandelt wurden.

Slow Food UK engagiert sich für ein größeres öffentliches Bewusstsein in Bezug auf die Herstellung von Nahrungsmitteln in Großbritannien und sieht Lebensmittel als etwas, das unsere Gesundheit, unsere Gemeinschaft, unsere Kultur und unser Umwelt betrifft. Die Unterstützung kleinbäuerlicher Erzeuger steht im Mittelpunkt unseres Ethos, und wir ermutigen die Menschen, aktiv mit ihren lokalen Erzeugern in Kontakt zu treten und sich für die Herkunft ihrer Nahrungsmittel zu interessieren.

Wir müssen uns selbst die Frage stellen: Was ist der wahre Preis dessen, was wir essen? Könnten wir weniger Fleisch essen und dafür einen fairen Preis bezahlen? Können wir Fleisch essen, das von jemandem erzeugt wurde, dem sein Produkt und unsere Gesundheit am Herzen liegen?

www.slowfood.com

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